Neutralität im Journalismus

Neutralität gilt im Journalismus als höchste Tugend.
Vielleicht ist sie in Wahrheit oft nur Bequemlichkeit.
Viele Redaktionen glauben noch immer, gute Berichterstattung müsse „beide Seiten“ gleich behandeln.
Also sitzen in Talkshows Klimaforscher neben Klimaleugnern.
Ökonomen neben Ideologen.
Fakten neben Gefühlen.
Alles wirkt ausgewogen.

Nur: Die Wirklichkeit ist nicht ausgewogen.
Wenn eine Seite Daten hat und die andere nur Behauptungen, ist Gleichbehandlung keine Fairness.
Sie ist Verzerrung.
Journalismus ist kein Stenografendienst.
Seine Aufgabe ist nicht, Aussagen neutral weiterzureichen.
Sondern sie zu prüfen.

Schon die Auswahl von Themen ist eine Wertung.
Schon eine Überschrift ist Interpretation.
Völlige Neutralität existiert nicht – sie klingt nur professionell.
In der Praxis schützt sie vor Verantwortung.
Wer „beide Seiten“ zitiert, muss nicht sagen, wer falsch liegt.
Wer sich neutral nennt, vermeidet Widerspruch.

Aber Demokratie braucht keine konfliktscheuen Beobachter.
Sie braucht Einordnung.
Wenn eine Zahl falsch ist, ist sie falsch.
Wenn eine Behauptung gelogen ist, ist sie gelogen.
Das klar zu benennen, ist keine Parteilichkeit.
Es ist der Job.

Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Neutralität als Ideal zu feiern.
Und stattdessen etwas Anspruchsvolleres wählen:
Fairness gegenüber der Wirklichkeit.
Nicht: „Was sagen beide Seiten?“
Sondern: „Was stimmt – und warum?“
Alles andere ist keine Objektivität.
Sondern Feigheit.

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